Den hochwürdigen Dekanen, dem Klerus, den Priestern, Diakonen, den Mönchen und Nonnen, den Gläubigen und allen Freunden des Exarchats der orthodoxen Gemeinden russischer Tradition in Westeuropa im ökumenischen Patriarchat ein gutes und heiliges Pfingstfest !
In dieser Pfingstzeit kommt der Heilige Geist auf die Welt herab, wie es der Herr verheißen hat. Wenn er auf die Welt herabsteigt, offenbart der Geist sich durch die Gaben und Charismen, die er auf all diejenigen ausgießt, die im Bekenntnis des ihm zugrundeliegenden Geheimnisses verharren, Gott. Der Geist ist Atem, Flamme, Wohlgeruch und Salbung : Diese Namen verweisen auf das Handeln des Geistes, der das Herz und den Geist des Menschen erfüllt und ihm neue Energie verleiht, damit er zu einem Ort werden kann, an dem Gott sich offenbart. Doch er schenkt sich, wie der hl. Simeon der Neue Theologe sagt, ohne zu « sagen, wer er ist ». Er wird verkündet und ersehnt, doch als unbeschreibbares und sich jeder Definition entziehendes Geheimnis läßt er sich nur von dem erfahren, der sein Handeln und seine Gegenwart auszumachen weiß. Immer in Bewegung, will uns der Heilige Geist zu Christus treiben, damit wir ihn durch unser Leben offenbaren, ihn gegenwärtig sein lassen und ihn an jedem Ort, an dem wir leben, Fleisch werden zu lassen. Der Heilige Geist ist verborgen gegenwärtig im Auferstandenen ; er ist ja gerade der Atem des Fleisch gewordenen Wortes, denn er ist nicht bildhaft darstellbar und ist seinem Wesen nach geheimnisvoll und unbegreiflich.
Christus und der Heilige Geist offenbaren die Kirche, die gegründet ist auf die Eucharistie und das Pfingstfest. Sie sind, wie der hl. Irenäus von Lyon sagt, « die beiden Hände des Vaters ». Sie beide sind die Tröster, auf die die Menschheit gewartet hat, die in Hoffnungslosigkeit und Sinnlosigkeit dahinsiecht. Der eine bringt die Barmherzigkeit, der andere Kraft und Trost, um die Ökonomie des Vaters offenkundig werden zu lassen. Die Menschwerdung und Pfingsten sind somit die beiden Seiten einer einzigen Liebestat. Jetzt ist Christus beim Vater, während der Heilige Geist bei uns ist « als unsere Verteidiger, Fürsprecher und Zeuge, und uns Trost spendet für die sichtbare Abwesenheit Christi », wie Paul Evdokimov es formuliert.
Für die Kirchenväter vollendet das Pfingstfest unser Heilswerk. Christus ist der « große Vorläufer des Geistes », sagt der hl. Athanasius von Alexandrien; « das Wort wurde Fleisch, damit wir den Heiligen Geist empfangen können ». « Gott wurde ‘fleischtragend’, damit der Mensch ‘geisttragend’ werden kann »; denn « das waren Ziel und Bestimmung des gesamten Werkes Christi: dass die Gläubigen den Heiligen Geist empfangen », sagt der hl. Simeon der Theologe. Nikolaos Kabasilas stellt fest, dass « die Wirkung und die Frucht der Taten Christi nichts anderes beinhalten, als das Herabsteigen des Heiligen Geistes auf die Kirche ». Und so eröffnet die Himmelfahrt Christi die allgemeine Epiklese (Herabrufung des Heiligen Geistes) auf die Welt. Als Antwort auf das Werk des Sohnes sendet der Vater seinen « Geist auf alles Fleisch » herab, damit jeder bekenne, dass er der Gott des Heils ist, der ein neues Herz schenkt und der « aus einem Herz aus Stein ein Herz aus Fleisch » macht, das schlägt, weil der Geist ihm Kraft und Wärme verleiht.
Es ist dieser Geist, den wir in jeder eucharistischen Liturgie und bei jeder Anrufung der Trinität « empfangen ». Wir werden durch ihn zu neu geschaffenen Geschöpfen für das Reich, das durch den Sohn verkündet wurde. In diesem Geist verwirklicht sich die Gegenwart Christi in uns. Durch ihn werden wir schließlich die wahrhaftige Liebe Gottes entdecken, die Liebe des Vaters, die aus uns « Kinder im Sohn » macht. Wenn wir so teilhaben an der Heiligkeit des Vaters in der Barmherzigkeit des Sohnes und der tröstenden Kraft des Heiligen Geistes, dann verwirklichen wir endlich, für was wir erschaffen wurden: wir werden zum Ort des Lebens Gottes. Denn Gott verlangt nur nach einem: Er möchte im Geschöpf Wohnung nehmen, das er geschaffen hat. Das ist für ihn die einzige Freude, weshalb er der Schöpfer ist. Hierin liegt das ganze Geheimnis der Liebe, die uns aufgrund des Schöpfungsaktes dazu beruft, als « Sein Bild und Ihm ähnlich » erschaffen zu sein.
Machen wir uns also gemeinsam auf, liebe Brüder und Schwestern, um das Reich Gottes zu suchen im Streben nach dem Heiligen Geist und durch den Empfang des Heiligen Geistes. Dann werden wir wirklich das Ziel des christlichen Lebens verwirklicht haben: « Dein Reich komme, Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden ».
In diesem Tagen des Pfingstfestes wollen wir inständig darum beten, dass der Geist des Friedens, der Geist der Liebe, der Geist der Einheit und der Geist der Unterscheidung auf die Konzilsväter herabsteigen möge, die sich zur Zeit auf Kreta versammelt haben.
Euch allen ein gutes und heiliges Pfingstfest !
+ Johannes, Erzbischof von Chariopolis, Patriarchalexarch der orthodoxen Gemeinden russischer Tradition in Westeuropa
Paris, am 19. Juni 2016